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Reiseberichte
Wo sind nur die Schafe von Tory?
König Patsy. Fotos: highlaender-reisen.de
Riesenhai.
Derek ist ein reizender Herr. Ja, die Zeiten seien nicht rosig für den Tourismus in Irland. Das Hotel schräg gegenüber hat schon pleite gemacht. Dereks Haus ist gut besucht. Eine Goldene Hochzeit wird gefeiert, wir Wanderer sind ein paar Tage hier. Die Zimmer in Dereks Hotel sind ein bisschen in die Jahre gekommen. Doch das Restaurant ist erstklassig und die Dessert-Karte ein Albtraum für Diät-Fans.
Dunfanaghy ist einer dieser typischen Küstenorte. Eine Straße, vier oder fünf Pubs, ein Supermarkt. Gleich vor Dereks Hotel allerdings tut sich ein wunderbares Küstenpanorama auf. Mit einem Sandstrand, auf dem man den ganzen Tag auf und ab marschieren möchte. Von der Sorte sind sogar noch größere, schönere und vor allem einsamere rund um Dunfanaghy zu finden.
Und da ist noch eine Besonderheit. Von Dunfanaghy ist es nicht mehr weit zum Fährhafen und damit nicht mehr weit zu König Patsy Dan. Der ist natürlich einer der Gründe, weshalb wir so hoch im Norden Irlands, im County Donegal, gelandet sind. „Wir“ sind eine deutsche Wandergruppe, bestehend aus elf Frauen, einem Mann und unserem Tour-Guide Brian. Auch der kennt den König noch nicht.
Am Abend vor der großen Überfahrt sitzen wir alle gemütlich an Dereks Hotel-Bar und sinnieren über die Begegnung. Der Hausherr kommt dazu und legt los. „Ihr wollt morgen nach Tory Island? Großartig. Ich bin ein alter Freund vom König. Seine Bilder hängen hier im Hotel. Die könnt ihr kaufen! Ich rufe ihn gleich noch an und sage, dass ihr kommt. Dann begrüßt er euch auch ganz bestimmt persönlich!“
Die Bilder sind also vom König. Nicht sehr beruhigend. Denn die naiven Scheußlichkeiten mit Preisen, die uns vor allem amüsierten, waren uns schon aufgefallen. Nicht positiv.
Der König ist eine Erfindung der Leute von Tory. Allen Bestrebungen der irischen Regierung, die Insel wie viele andere an der Westküste zu evakuieren, hatte man dort abgelehnt. Ein Hubschrauber-Landeplatz für etwaige Notfall-Versorgungen gab schließlich den Ausschlag, dass die Leute von Tory bleiben durften. Doch wie lockt man Menschen auf ein Eiland weit ab vom Schuss? Arbeit gibt es so gut wie gar nicht. Und selbst die eigens gemalten Bilder lassen sich nicht verticken, wenn niemand kommt. Irgendein gewiefter Marketing-Stratege muss schließlich die zündende Idee mit dem König gehabt haben. Denn dafür ist Tory inzwischen ein bisschen berühmt. In Fernseh-Dokumentationen sieht das auch tatsächlich sehr nett aus.
„Da ist er“, ruft Brian, als wir endlich im Hafen von Tory anlegen. „Wer?“ Ich hab den König beim Anblick dieser Insel vergessen. Liebe auf den ersten Blick wird das nicht. Auf dem Kai steht König Patsy Dan. Ringel-Pulli, Ring im Ohr, lässig-majestätisch auf seinen Stock gestützt. Eine Mischung aus Vater von Pippi Langstrumpf und Johannes Heesters.
Leider sehe ich erst in dem Moment, wo er mir die Hand reicht zwischen all seinem königlichen Geschmeide den Schmutz. König Patsy Dan hat definitiv die dreckigsten Finger, die ich jemals gesehen habe. Und der erste Blick auf Tory passt dazu. Was für ein elender, trostloser Ort. Die Häuser heruntergekommen und schmuddelig. Scheele Blicke von den Einheimischen. Und so überflüssige Einrichtungen wie der örtliche Supermarkt sind nur auf Gälisch ausgewiesen. Gastlichkeit sieht anders aus. Immerhin: Überall freundliche Hinweise, keinen Müll auf die Straße, ins Gebüsch oder wo auch immer hinzuschmeißen. Die Schilder stehen bevorzugt neben wilden Müllkippen. Aber da steht ja alles nur auf Englisch drauf. Versteht man auf Tory nicht.
Außer vielleicht Patsy Dan. Der hat uns gerade lang und breit erklärt, wo seine Galerie ist und dass wir seine Bilder käuflich erwerben können. Bei seiner Rede versprüht der Insel-Monarch freilich nicht nur einen eher knorrigen Altherren-Charme, sondern auch jede Menge royaler Spucke. „Auf Drei marschieren wir los“, zischt Brian uns auf Deutsch zu. Sein Kalkül: Der alte Mann mit der Krücke kommt nicht mit, wenn deutsche Wanderwaden in Bewegung geraten.
Was für eine Fehleinschätzung! Als wir gut zehn Minuten später zur Lagebesprechung halten, hören wir das hüstelnde „pöttpöttpött“ eines in die Jahre gekommenen Automotors hinter uns. Wir machen dem roten Pkw Platz. Aber der fährt nicht. Und dann gefriert uns beinah das Blut in den Adern. „Das ist er wieder!“ Brians Stimme überschlägt sich. König Patsy Dan ist hinter uns her.
Schlagartig erinnern wir uns an jede Menge schlechte Horrorfilme. „Christine“, das Mörderauto, oder „Misery“. Das ist das Grauen. „Wir nehmen den Küstenweg ! Jetzt! Sofort!“
Des Königs Auto bleibt tatsächlich auf der Straße. Für den Rest des Tages werden wir allerdings immer wieder mit ihm rechnen. Wir marschieren in Richtung Leuchtturm. Die Landschaft ist von nervenzerfetzender Eintönigkeit. Und mittendrin eine schöne, neue Bank. Von der Sorte werden wir noch einige hier sehen. Vermutlich mit freundlicher Unterstützung der Europäischen Union. Angesichts zahlreicher Besucher eine fabelhafte Investition in die touristische Infrastruktur.
Ein kleines Sumpfgebiet bringt erste Freude in unsere enttäuschten Herzen. Zumindest bei denjenigen, die vogelkundlich interessiert sind. Austernfischer, Kiebitze, diverse Möwenarten – hier tut sich was. Auch der Küstensaum verändert sich langsam. Die Klippen werden höher, die Felsformationen wilder. Wir sind längst bereit, auch die geringste Kleinigkeit hochzujubeln und marschieren gerade an einer kleinen Bucht mit Aussichtsplattform vorbei, als ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung auf dem Wasser sehe.
Eigentlich würde ich jetzt gerne ganz lässig wie Roy Scheider im „Weißen Hai“ grummeln: „Wir brauchen ein größeres Boot.“ Aber als ich erkenne, was es ist, drehe ich vor Freude fast durch: RIESENHAI. DA! Mein Sprachzentrum ist blockiert. Wow. Der Bursche ist gute viereinhalb Meter lang und futtert sich in aller Seelenruhe durch die Bucht. Riesenhaie sind Vegetarier. Mit weit aufgerissenem Maul zieht er seine Runden. Von Zeit zu Zeit sehen wir sogar seine Nase. Ich bin versöhnt. Der König ist mir egal. Das hier ist ganz großes Kino. Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht weiß: Es wird ein weiteres Sahnehäubchen geben.
Ich möchte in diesem Jahr Papageientaucher in freier Wildbahn sehen. „Hier haben wir gute Chancen“, hat Brian für Tory versprochen. Aber auch der König sollte ja eine Reise wert sein. Naja. Wir marschieren die Küste entlang. Brians Karte zeigt an, wo wir die drolligen Federviehcher finden sollen. Nur sieht die Karte ein bisschen so aus, als wäre sie von Torys Senioren nach dem fünften Whiskey gemalt worden. Nein, Tory ist kein Ort, der Vertrauen schafft.
Wir bekommen tatsächlich viele Vogelarten zu sehen. Sturmtaucher, Möwen, Basstölpel – nur keine Papageientaucher. Frustriert machen wir schließlich auf eine Klippe Pause. Unter uns auf dem Wasser dümpelt eine Vogelschar. Eher gelangweilt schaue ich durchs Fernglas. Hoppla. Völlig tiefenentspannt dümpeln da unten mindestens 30 Papageientaucher. Mich erfüllt ein tiefer, innerer Frieden,
Schließlich heißt es Aufbruch. Wir sind uns alle einig: Auf Tory wollen wir nicht mehr sein, wenn es dunkel wird. Den Rest der Truppe gabeln wir zwei Felsen weiter auf. Während wir unsere Rucksäcke sortieren, kommt ein älterer Mann mit einem Müllsack aus dem Haus und schleppt ihn hoch zur Klippe.
Die Geräusche sind eindeutig. Da klappern und klirren Flaschen und Dosen. „Der wird doch nicht…“, knurrt Brian noch, da tut der alte Mann es auch schon. Vermutlich hatte die werte Gattin gesagt „Schatz, bring‘ doch mal den Müll weg“. Das macht Opa gerade. Verklappt seinen gesammelten Hausmüll über die Klippe. Daneben steht ein Schild. „Müll und Schutt abladen verboten“. Aber nur auf Englisch!
Wir sind schon eine halbe Stunde vor der Abfahrt am Schiff. Der König lässt sich glücklicherweise nicht mehr blicken. Die düsteren Blicke der Einheimischen folgen uns, bis wir an Bord gehen. „Ist euch eigentlich was aufgefallen?“ fragt Brian, als wir endlich losfahren. „Ich habe kein einziges Schaf gesehen. Wo mögen die wohl sein?“
Diese Frage lässt mich nicht mehr los. Wo sind nur die Schafe von Tory? Yvonne Hofer
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